Dr. Karen Ziener
Universität Potsdam
Institut für Geographie und Geoökologie

     Regionale Impulse durch die Ausweisung von Großschutzgebieten       – Das Biosphärenreservat Spreewald –

(Vortrag auf der Jahrestagung der wig am 5.3.1998 in Hannover)

Das Biosphärenreservat Spreewald erstreckt sich auf einer Fläche von 47 580 ha entlang der Spree und umfaßt den Oberspreewald und den nördlich von Lübben gelegenen Unterspreewald. Die spreewaldtypischen parkartigen Wiesenlandschaften mit Kähnen und Heuschobern, die in Imagebroschüren und auf Ansichtskarten abgebildet sind, findet man allerdings nur noch in einem relativ kleinen Gebiet im inneren Oberspreewald – in der Umgebung von Lübbenau, Lehde und Leipe. Naturnahe Waldareale sind vor allem im inneren Unterspreewald erhalten, während der Waldanteil im Oberspreewald heute bei ca. 4 % liegt. Das Biosphärenreservat Spreewald ist in vier Zonen gegliedert, von denen die beiden inneren als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind und zusammen etwa ein Fünftel der Biosphärenreservatsfläche einnehmen. Die Zone der harmonischen Kulturlandschaft (Zone III) und die Regenerierungszone (Zone IV) haben den Status eines Landschaftsschutzgebietes. Letztere vereint die in den 1950er bis 1980er Jahren durch Entwässerung und intensive Bewirtschaftung geschädigten Randbereiche des Spreewaldes – die sogenannten Poldergebiete – und soll langfristig durch gezielte Maß-nahmen ökologisch aufgewertet werden (vgl. Abb. 1).

Wie ordnet sich das Biosphärenreservat Spreewald in die Region ein ?

Der Spreewald liegt im Südosten des Landes Brandenburg, in der Planungsregion Lausitz-Spreewald. Im Osten grenzt die Großstadt Cottbus fast unmittelbar an das Biosphärenreservat. Weitere Städte im Spreewaldbereich sind Lübben und Lübbenau (ca. 15 000 bzw. 18 000 Ein-wohner) und Vetschau (etwa 8 000 Einwohner). Die Entfernung von Lübbenau nach Berlin und Potsdam beträgt ca. 100 km, nach Dresden 130 km und nach Leipzig 150 km, wobei der Spreewald durch Autobahn und Eisenbahn vor allem von Südwesten her erschlossen wird. Unmittelbar jenseits der Autobahn befinden sich Braunkohlentagebaue, deren Betrieb wie auch die Stillegung im Jahre 1996 großen Einfluß auf den Spreewald hatten und haben.

Raumstrukturell läßt sich das Spreewaldgebiet dreigliedern (in Abb. 2 ist ein Teil der Touris-musregion Spreewald dargestellt, die 1997 erfolgte Erweiterung der Tourismusregion ist nicht berücksichtigt):

Das Oberzentrum Cottbus ist mit ca. 120 000 Einwohnern die größte Stadt der Niederlausitz und übernimmt vielfältige Funktionen in Kultur (Staatstheater Cottbus), Versorgung und Dienstleistung, Bildung, Wissenschaft (Technische Universität) und Verwaltung (Landesbehör-den, Regionale Planungsstelle). Als regionales Entwicklungszentrum ist die Stadt ein wichtiger Faktor für die Umstrukturierung der Industrie von einer Monostruktur (Braunkohlenwirtschaft, Textilindustrie) zu zukunftorientierten Branchen (z.B. Umwelttechnologie) und die Sanierung der Bergbaufolgelandschaft in der Niederlausitz. In bezug zum Spreewald soll darüber hinaus der Tourismus zu einem wirtschaftlichen Standbein für die Stadt entwickelt werden. Grundlagen wurden mit der Ausrichtung der BUGA 1995 und dem damit verbundenen Infrastrukturausbau und Imagegewinn gelegt.

Der Nordteil des Spreewaldes ist nach wie vor ein ausgesprochen ländlich geprägter Raum. Der größte Teil der Gemeinden hat weniger als 500 Einwohner, die Kleinzentren und Amtssitze auch nur um 1 000 Einwohner. Der dominierende Wirtschaftsbereich war bis Ende der 1980er Jahre die Landwirtschaft, Gewerbe- und Industrie nur inselartig vorhanden. Nach dem drasti-schen Arbeitsplatzabbau in der Landwirtschaft werden Beschäftigungsalternativen fast nur im Tourismus gesehen. Während die Orte im nördlichen Oberspreewald, am Neuendorfer See und im Unterspreewald an touristische Traditionen anknüpfen konnten, ist diese Entwicklung für andere Gemeinden ein Neubeginn, der nicht immer leicht fällt. Die Bevölkerungsdichte beträgt außerhalb von Lübben nur 25 E/km2 .

Zwischen beiden befindet sich ein relativ heterogener Übergangsbereich (Südteil, in Abb. 2 gelb umrandet). Hier gibt es einige Städte bzw. städtische Siedlungen. Die größten Städte Lübbenau und Vetschau sind allerdings erst durch den Braunkohlenbergbau groß geworden und haben nach dessen Einstellung mit hohen Arbeitslosenzahlen, Abwanderung und großen sozialen Problemen zu kämpfen. Zur Ansiedlung der Arbeitskräfte waren in den 1950er und 1960er Jahren große Wohngebiete in Plattenbauweise (in Lübbenau leben heute etwa vier Fünftel der Einwohner in der Neustadt) errichtet worden. Nach einer schrittweisen Reduzierung der Stromerzeugung erfolgte 1996 die Stillegung der beiden Großkraftwerke Lübbenau und Vetschau sowie des Tagebaus Seese-Ost. In beiden Städten ist ein beträchtlicher Bevölke-rungsrückgang von ca. 15 % in den Jahren 1988 bis 1996 die Folge, denn durch die Ansied¬lung neuer Industrie- und Gewerbebetriebe auf dem Gelände der Kraftwerke und den Touris¬mus kann nur ein Teil der Arbeitsplatzverluste kompensiert werden. Ein ehemaliger Kraft-werksarbeiter läßt sich zudem nicht ohne weiteres für einen touristischen Beruf umschulen. Im Gegensatz dazu ist das Umland von Cottbus durch Suburbanisierungsprozesse gekennzeich¬net, so daß Kolkwitz und einige andere Gemeinden seit 1988 bereits zweistellige Bevölkerungsgewinne verzeichneten. Südlich von Lübbenau und Vetschau grenzen devastierte Tage-bauflächen fast unmittelbar an den Spreewald. Im Zuge ihrer Sanierung und Rekultivierung sollen hier neben anderen Nutzungen auch Erholungsmöglichkeiten wie Badeseen, Wander-, Rad- und Reitwege geschaffen werden.

Zwei der drei touristischen Schwerpunkte des Spreewaldes - Lübbenau und Burg - liegen im Bereich des Oberspreewaldes, den dritten bildet die Kreisstadt Lübben mit Ausflugsmöglich-keiten in den Ober- und Unterspreewald. Lübbenau - das Tor zum Spreewald - ist gemeinsam mit dem Dorf Lehde Zentrum des Ausflugsverkehrs sowohl im Individualtourismus als auch bei organisierten Busreisen. Mehr als eine halbe Million Besucher starten jährlich von hier aus zu einer Kahnfahrt. Diese intensive touristische Nutzung einer attraktiven, aber zugleich sensiblen und schutzwürdigen Landschaft im Bereich des Naturschutzgebietes Innerer Spreewald ist sehr konfliktträchtig. Durch eine Dezentralisierung der Besucherströme soll neben einer Ent¬lastung zentraler Spreewaldbereiche eine Partizipation weiterer Gemeinden am Spreewald¬tourismus erreicht werden. Die Gemeinde Burg bildet vor allem wegen ihres Streusiedlungscharakters und der Vielzahl kleinerer touristischer Einrichtungen und Angebote (dar. mehrere Kahnhäfen und Bootsverleihe, Infozentrum und Kräutergarten des Biosphärenreservates, Führungen der Naturwacht, Biberhof) einen Anziehungspunkt, insbesondere für Kurz- und Langzeiturlauber.

Das Diagramm in Abb. 3 zeigt wichtige Faktoren der Regionalentwicklung im Spreewald:

  • Entscheidend für die Konstituierung der Spreewaldregion ist die einzigartige Kulturlandschaft des Spreewaldes, wenngleich diese heute nur noch einen geringen Flächenanteil der Tourismus- oder Wirtschaftsregion Spreewald einnimmt. Das Biosphärenreservat dient ihrer Erhaltung, Pflege und Entwicklung. Im inneren Oberspreewald bedeutet dies auch, Fördermöglichkeiten zu erschließen, die den Landwirten trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen (kleine zersplitterte Flächen zwischen 1 und 20 ha, Transport nur mit dem Kahn) eine Aufrechterhaltung der landwirtschaftlichen Produktion bzw. eine entsprechende Landschaftspflege ermöglichen.
  • Die Funktion des Biosphärenreservates als Werbeträger und Imagebildner ist nicht so groß wie etwa in der Rhön. Der Spreewald hat einen Namen, ist überregional und international bekannt. Im Vergleich zur Rhön ist das Biosphärenreservat Spreewald stärker auf die Funktion als Großschutzgebiet ausgerichtet, haben Naturschutz und Renaturierung eine große Bedeutung. Trotz der grundsätzlich positiven Einstellung der Region zur Errichtung des Biosphärenreservates und seiner Notwendigkeit für die Erhaltung der Spreewaldlandschaft traten im Zusammenhang mit Naturschutzprojekten und -planungen (z.B. Naturschutz-Großprojekt, Landschaftsrahmenplan) immer wieder Akzeptanzprobleme auf. So wurden beispielsweise in der geplanten Wiederherstellung eines naturnahen Wasserregimes im inneren Oberspreewald Probleme für den Kahnverkehr sowie eine erneute Hochwassergefahr gesehen. Förderprojekte im Bereich Landwirtschaft und Vertragsnatur-schutz werden weit weniger thematisiert, obwohl extensive Landnutzung jährlich mit über einer halben Million Mark gefördert wird (insgesamt etwa ein Zehntel der Biosphärenreservatsfläche).
  • Durch den großflächigen Braunkohlenabbau wurde nicht nur die Landschaft südlich des Spreewaldes devastiert und die soziale Struktur der Bevölkerung der Region verändert, sondern auch das Abflußregime der Spree und ihrer Nebenflüsse stark verändert. Die Inbetriebnahme der Tagebaue hatte dabei genauso gravierende Folgen wie die jüngst erfolgte Einstellung und die damit verbundene Reduzierung des Grubenwasserzuflusses in den Spreewald und schrittweise Flutung von Restlöchern.
  • Die Gemüseproduktion und -verarbeitung konnte sich nach einem Einbruch Anfang der 1990er Jahre konsolidieren, wobei auch hier die Flächenstruktur unter den gegenwärtigen Marktbedingungen ungünstig ist. Das Gütesiegel für Spreewaldprodukte - roter Dachfirst mit zwei sorbischen Schlangenkönigen und der Aufschrift Spreewald - ist über die Region hin¬aus bekannt und zum Markenzeichen geworden. Zur Unterscheidung von anderen Produk¬ten wurde ein “Wirtschaftsraum Spreewald” bestimmt, der die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte in den Randbereichen des Spreewaldes und seiner Umgebung mit einbe¬zieht und den Geltungsbereich des Gütesiegels darstellt. An seiner Abgrenzung war der Spreewaldverein ebenso beteiligt wie Mitarbeiter des Biosphärenreservates.

Nachdem der Spreewald auch nach der Kreisgebietsreform auf drei Kreise aufgeteilt ist, tragen derartige Regionsabgrenzungen über die touristische Vermarktung hinaus zur Identitätsfindung der Spreewälder und zur Diskussion und Artikulation gemeinsamer Probleme bei (ein kommunaler Zweckverband ist noch im Planungsstadium). Dies erscheint umso notwendiger, da der Spreewald in einer Planungsregion liegt, die mit dem wirtschaftlichen Umbruch, hohen Arbeitslosenzahlen und der großflächigen Sanierung von Braunkohlentagebauen wesentlich größere Probleme zu bewältigen hat als der Spreewald. Aus Sicht der Landkreise und ihrer zum Teil entfernten Kreisstädte liegt der Spreewald nicht nur an der Peripherie, sondern gilt auch als ein Gebiet, das mit dem Tourismus ein wichtiges wirtschaftliches Standbein und folglich wenig Probleme hat. Wenngleich alle Abgrenzungen einer Spreewaldregion, nicht zuletzt aus lokalpolitischen und Imagegründen deutlich größer als das Biosphärenreservat Spreewald ausfallen, bildet das Biosphärenreservat in jedem Fall ihren Kern und Kristallisationspunkt. Diese integrierende Funktion sollte durch die Biosphärenreservatsverwaltung auch weiterhin aktiv gefördert und ausgebaut werden.

 

    Abb. 1    Zonierung des Biosphärenreservats Spreewald
 
      Quelle: "Spreewald einzigartig", verändert

   Abb. 2    Die Region Neusiedler See

  Entwurf: K. Ziener, Kartographie: Ch. Buschatz, K. Ziener

 Abb. 3    Hauptfaktoren der Regionalentwicklung im Spreewald
 
Quelle: Eigene Zusammenstellung

         

Letzte Änderung am 6.7.2008